Wie Jody adoptiert wurde - Geschichte eines Angsthasen

Ihren Anfang nahm die Geschichte mit Jody für mich irgendwann im Dezember 2005. Wegen privater Trennung war mein Jagdterrier-Mädchen Rica zu diesem Zeitpunkt seit einem halben Jahr wieder Einzelhund. Nun kann es zwar sein, dass es Rica ganz gut gefiel Wohnung, sämtliche Schlaf- und Liegemöglichkeiten, Futter, Naschereien und natürlich auch mich ganz für sich alleine zu haben. Ich glaube aber eher, dass es ihr wie mir ging und sie sich eine vierbeinige Ergänzung unseres Rudels wünschte.

So kam es, dass ich zum Ende des Jahres häufiger auf verschiedenen Tierschutz- und Vermittlungsseiten im Internet herumstöberte. So stieß ich dann auch irgendwann auf das Foto eines ausnehmend freundlich lächelnden Hundes und gelangte über einen Link auf die Seite tiere-in-spanien.de. Dort stellte sich dann aber heraus, dass der nette Kerl für uns nicht in Frage kam, da für ihn eine Stelle als Einzelhund gesucht wurde. Beim weiteren Herumschauen fiel mir dann das Bild eines kleinen hellbraunen Hundes mit großen Fledermausohren ins Auge. Also das Bild angeklickt und den Begleittext zu „Podenco Jody, 40 cm, 3 Jahre“ gelesen. Was ich dort las, ging mir sehr ans Herz: „Seit Juli 2004 Jahren im Tierheim... auf der Straße aufgelesen... sehr ängstlich ... wenn man ihn streichelt, wird er ganz steif ... muss Schreckliches erlebt haben ... kein einfacher Fall ... wir suchen Menschen mit viel Zeit, Geduld und Hundeerfahrung.“ Also die Seite unter „Favoriten“ gespeichert und mir selbst ein wenig Bedenkzeit eingeräumt.

In den folgenden Tagen habe ich dann häufig an den kleinen Podenco denken müssen. Ich habe immer wieder die Homepage besucht, den Text gelesen, die Fotos angeschaut und mir die Infos zum Verein und zur Adoption durchgelesen. Die Tierschutzproblematik in Spanien und anderen Mittelmeerländern war mir ja leider allzu geläufig und im Bekanntenkreis gab es auch schon einige aus Spanien adoptierte Hunde. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr war ich davon überzeugt, dass bei Jody und uns einfach alles passte: mit 40 cm genau so groß wie meine Rica; für sie mit ihren 9 Jahren wäre er eine anregende Herausforderung, für ihn wäre eine reifere, abgeklärte Hündin sicher eine gute Orientierungsmöglichkeit. Außerdem arbeite ich zu Hause, bin jeden Tag für rund zwei Stunden im Auslaufgebiet, habe Jagdhunderfahrung, usw.

Als dann endlich an Heiligabend ein wenig Ruhe einkehrte, stand auch meine Entscheidung fest: ich wollte Jody adoptieren. Also füllte ich noch an diesem Abend das Anfrageformular aus und schickte es auf den Weg. Ich war dann allerdings doch ziemlich überrascht, als ich schon am ersten Weihnachtstag einen Anruf von Frau Wolk aus Berlin erhielt. Wir haben uns dann eingehend über Jodys extreme Ängstlichkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten unterhalten. Im Lauf des Gespräches wurde aber immer klarer, dass ich mich unbedingt auf diese Herausforderung einlassen wollte und bei uns einfach beste Bedingungen für den kleinen Angsthasen vorliegen. Da ich zunächst Anfang Januar noch in Urlaub fahren wollte, würde Frau Wolk selber Jody am 21. Januar aus Barcelona mitbringen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich auf der Homepage unter Jody's Foto den Zusatz „reserviert“ las und wusste: „Das sind wir!“.

Jodys Steckbrief hatte ich mir gleich zu Beginn ausgedruckt, dieser hing mittlerweile über meinem Bett. Immer wieder warf ich einen Blick auf die Fotos und erzählte dem kleinen Podenco, was demnächst passieren würde und dass ich mich wahnsinnig auf ihn freue, wir ein tolles Team würden und er sich nie wieder Sorgen machen oder Angst haben müsse. Ich hoffte, dass meine Worte irgendwie den langen Weg nach Spanien finden würden.

Mittlerweile wussten natürlich alle Freunde und Bekannten von Jodys bevorstehender Ankunft, ich musste einfach allen davon erzählen. Ein paar Tage vor Jodys Ankunft besorgte ich dann noch einen zweiten Hundekorb und stellte ihn schon mal auf. Dies bedeutete nun aber vermehrte Arbeit für Rica, denn sie musste im Stundentakt zwischen dem alten und dem neuen Korb hin und her wechseln, um ihre Besitzansprüche an beiden geltend zu machen.

Endlich war dann der 21. Januar und ich stand am späten Abend in Tegel am Gate, an dem Frau Wolk mit Jody und zwei weiteren Hunden ankommen sollte. Ich lernte dann auch noch die Adoptiveltern des kleinen Teddy kennen, die ebenso wie ich aufgeregt auf Frau Wolk und ihr vierbeiniges „Gepäck“ warteten. Als dann eine sichtlich mitgenommene Frau Wolk eintraf, brachten wir schnell die Formalitäten hinter uns. Wir hatten uns schon vorher darauf geeinigt, Jody die aufregende Szenerie am Flughafen weitgehend zu ersparen, so dass ich ihn mitsamt der Transportbox mitnehmen würde und ihn erst in der ruhigen Umgebung meiner Wohnung herauslassen würde. Nach nur 10 Minuten Fahrt waren wir dann auch schon zu Hause und Rica konnte mich mitsamt der Box aufgeregt an der Wohnungstür in Empfang nehmen, Als ich die Box öffnete, kam Jody sofort heraus und flüchtete in die sichere Zuflucht des größeren der beiden Hundekörbe, von wo aus er die Szenerie ängstlich beobachtete. Rica schnupperte kurz an ihm, befand sein Parfüm für eindeutig zu streng und beschloss die Sache aus dem anderen Korb heraus erst mal im Auge zu behalten. Ich habe mich dann einfach auf den Boden gelegt und Jody mit leiser Stimme davon erzählt, wo er jetzt ist, dass ihm bei uns nichts passieren würde und er sich einfach Zeit lassen solle. Irgendwann traute er sich dann auch aus dem Korb heraus, beschnupperte mich kurz und inspizierte flüchtig unsere Wohnung. Das ganze natürlich im Zustand permanenter Anspannung und Fluchtbereitschaft.

Irgendwann stand dann aber zu später Stunde noch mal eine Runde um den Block an. Da Jody schon vor dem Abflug an der Leine panisch gebockt hatte und permanent die Gefahr bestand, dass er aus dem Halsband rutschen könnte, hatte mir Wolk unbedingt zu einem Geschirr geraten. Das würde ich am Montag früh besorgen können, aber bis dahin musste erst mal ein einigermaßen sicherer Ersatz her. Also wurde ein altes Halsband ganz weit gestellt und zum Brustgurt umfunktioniert, ein zweites normal um den Hals gelegt und ein drittes ganz kurz gestellt, um eine Verbindung zwischen den beiden anderen herzustellen: fertig war das Behelfsgeschirr! Dies erwies sich auch wirklich als sinnvoll, denn Jody reagierte bei unseren ersten Spaziergängen beim geringsten Geräusch, jeder „falschen“ Bewegung von mir und plötzlichem Zug an der Leine mit extremer Panik, sprang regelrecht mit allen Vieren in die Luft und versuchte nur noch zu flüchten.

Am Sonntag machten wir dann unseren ersten gemeinsamen Spaziergang im Auslaufgebiet im Grunewald. Hier lernte Jody dann auch den Dackel meiner Chefin, Willi, kennen, der Rica und mich täglich in den Wald begleitet. Willi ist ein absoluter Gemütshund und ich hoffte, dass seine Ruhe und Abgeklärtheit sich auch beruhigend auf Jody auswirken würden. Obwohl wir abseits gelegene Wege nutzten, begegneten uns natürlich auch hier noch andere Hundebesitzer. Während Jody auf die Hunde noch einigermaßen gelassen reagierte, beunruhigte ihn die Anwesenheit fremder Menschen dermaßen, das es einiges an Geduld erforderte, ihn immer wieder zum Weiterlaufen zu bewegen. 

Die erste Fahrt mit dem Auto zeigte dann auch, dass Jody damit wenig am Hut hat, er sabbert rekordmäßig und Fütterungen vor dem Autofahren verbieten sich ebenfalls, denn nach einiger Zeit wird ihm so übel, dass er erbricht. Ich denke aber, dass sich das auch noch legen wird und wir hier mit Homöopathie oder Bachblüten noch einiges erreichen können.

Eines der für Jody schrecklichsten Erlebnisse der ersten Tage war auf jeden Fall das Einschalten des Fernsehers: er flüchtete erschrocken zu Rica in deren Korb, womit er sie dermaßen überrumpelte, dass sie noch nicht mal dazu kam ihn für diese Grenzverletzung zusammenzustauchen, was sie unter normalen Bedingungen sicherlich getan hätte.

Für mich war in der ersten Zeit die „Entdeckung der Langsamkeit“ angesagt: keine hektischen Aktivitäten, nichts fallen lassen, sich immer kontrolliert und damit für Jody weniger erschreckend zu bewegen; es war gewöhnungsbedürftig, aber es ging! 

Ich war ja darauf eingestellt, dass Jody nicht stubenrein sein würde, zunächst hatten wir allerdings eher das entgegengesetzte Problem: Jody pinkelte nicht! Er war jetzt seit dem späten Samstagabend bei mir und bis Dienstagmittag war noch keinen einziger Tropfen herausgekommen. Ich hatte schon mehrmals alle Ecken der Wohnung mit der Taschenlampe abgeleuchtet und natürlich bei den Spaziergängen darauf geachtet, aber es war wirklich absolut nichts passiert. Dies besorgte mich dann doch so sehr, dass wir am Nachmittag bei unserer Tierärztin vorbeischauten. Diese stellte beim Abtasten fest, dass die Blase noch nicht vollständig gefüllt war und teilte mit mir die Meinung, dass Jody sich einfach aufgrund seiner Angst und des Stresses die ganze Zeit zurückhalten würde und wir noch einen Tag abwarten sollten. Am späten Abend hatte ich dann aber Glück: es war dermaßen kalt und eklig draußen, dass absolut keine Menschenseele unterwegs war, vor der sich Jody hätte erschrecken können, so dass er sich endlich lösen konnte. Große Erleichterung auf allen Seiten! Den anfänglichen Durchfall aufgrund der Futterumstellung haben wir dann auch erfolgreich mit Hühnchen und Reis in den Griff bekommen (Rica war für diese Änderung des Speiseplanes natürlich außerordentlich dankbar), in der Folge habe ich dann nach und nach Trockenfutter beigemischt, das er jetzt mit etwas Nassfutter angereichert problemlos frisst. Die Stubenreinheit war im übrigen, wenn auch durch den Durchfall vermutlich noch ein wenig verzögert, innerhalb einiger Tage erreicht.

Ansonsten merkte man bei den Spaziergängen von Tag zu Tag eine Veränderung: Jodys Gang wurde aufrechter, die Nase war deutlich mehr im Einsatz und sein panisches Erschrecken vor diesem und jenem wurde zumindest deutlich seltener. Viel entspannter verliefen auch die Spaziergänge im Wald: hier gab es einfach weniger „Bedrohungen“, Jody konnte sich an seiner Rica orientieren und wich ihr kaum von der Seite. So konnte ich ihn schon bald an der 10-Meter-Schleppleine laufen lassen, was bis jetzt wirklich super klappt. Er hat sich dann auch schnell daran gewöhnt, dass wir immer mal Menschen mit anderen Hunden treffen und mit diesen ein Stück weit mitgehen, so lief er schon nach einigen Tagen locker in einer Gruppe von 8 bis 10 Hunden mit, natürlich immer möglichst dicht bei mir oder Rica.

Wenn wir heute im Wald loslaufen, tänzelt ein aufgeregter Podenco neben mir her, rennt Rica hinterher, die ihrer Leidenschaft für Bälle frönt; hoppst auf Stöcke zu, an denen er herumzerrt. Er hat sich auch schon von anderen Hunden zum Fangen spielen animieren lassen und einen Golden Retriever, den er irgendwie blöd fand, energisch knurrend verscheucht. Ansonsten muss er immer mal vor lauter Übermut um uns alle herumjagen und zeigen, dass er diese täglichen Spaziergänge von ganzem Herzen genießt. 

Zu Hause habe ich ihm zum einen die nötige Zeit gegeben sich an uns zu gewöhnen, ihn aber andererseits auch in unsere Rituale und Gewohnheiten integriert. So trinke ich morgens meinen ersten Kaffee immer im Bett, Rica legt sich dabei immer an mein Bein und döst noch ein wenig herum. Hier habe ich Jody, der die Nächte grundsätzlich in einem der Hundekörbe verbringt, von Anfang an immer wieder dazugeholt und ihn auf meinen Bauch gelegt. Verschwand er am ersten Tag bereits nach weniger als einer Minute schon wieder, blieb er am folgenden Tag schon etwas länger liegen, bis er dann nach ein paar Tagen so entspannt war, dass er ebenfalls vor sich hindöste.

Wenn ich tagsüber mal anfing mit Rica zu balgen oder zu schmusen, hat er das immer aufmerksam verfolgt und mitbekommen, dass da offensichtlich niemandem etwas passiert und wir es beide genießen. Heute kommt er ganz selbstverständlich zu mir hin und lässt sich knuddeln, wobei seine persönliche Vorliebe darin besteht, seinen Kopf ausgiebig an mir zu schubbern.

Die Orientierung an Rica hat auch das langsame und schrittweise Erlernen von Kommandos und Verhaltensregeln deutlich erleichtert: Anhalten an der Bordsteinkante und Loslaufen nur wenn ich das Signal dazu gebe (wobei ich realistischerweise davon ausgehe, dass ich Jody aufgrund seiner Schreckhaftigkeit in der Stadt niemals ohne Leine werde laufen lassen können) und die ersten Grundkommandos wie „Komm“ und „Sitz“ klappen dank Vorbild problemlos.

Erstaunlich ist auch, wie Jody mittlerweile anderen Menschen, die er regelmäßig sieht wie unseren Bekannten im Wald, meiner Chefin oder den Kolleginnen im Büro, soweit vertraut, dass er von ihnen Leckerlis annimmt und sich sogar streicheln lässt. 

Nach wie vor hat Jody zu Hause allerdings die Marotte, wenn ich beispielsweise den Tisch decke und dafür zwischen Küche und Wohnzimmer hin- und herlaufen muss, in ein anderes Zimmer zu flüchten, ich weiß wirklich nicht warum, aber ich akzeptiere es einfach wie es ist.

Ich habe jedenfalls in diesen sechs Wochen gelernt noch viel geduldiger und ruhiger zu sein. Im Gegenzug bin ich dafür mit sehr vielen „kleinen“ (eigentlich ja sehr großen) Erfolgserlebnissen belohnt worden, die ich aufgrund der schwierigen Ausgangssituation noch viel intensiver erlebt habe.

Wir sind auf jeden Fall alle sehr glücklich miteinander und ich kann nur jeden ermutigen, sich auch auf einen „schwierigen“ Hund einzulassen, die Belohnung, die man dafür erfährt, ist kaum zu ermessen!

Ich möchte dem Verein Tiere in Spanien für die Vermittlung dieses wunderbaren Hundes danken, Frau Wolk für die freundliche Betreuung hier für Ort und besonders natürlich Monica Planas, die mit der Liebe, die sie Jody gegeben hat, diese Erfolge überhaupt erst möglich gemacht hat. Sie wird natürlich weiterhin noch oft von uns hören!

Aus Berlin grüßen Michael, Rica und natürlich Jody